Problempferde – warum zeigen Pferde unerwünschtes Verhalten?
- Ramona Moschinger

- 2. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen
Buckeln, Steigen, Losreißen oder plötzliches Erschrecken – häufig werden solche Pferde schnell als „Problempferde“ abgestempelt. Aussagen wie ...
"Der will einfach nicht.“
"Der verarscht dich nur.“
"Da muss er halt jetzt einfach durch.“
"Der sucht sich ja nur was, damit er sich erschrecken kann."
... höre ich leider immer wieder.
Doch in den meisten Fällen steckt hinter unerwünschtem Verhalten kein unwilliges Pferd, sondern ein Pferd, dessen Nervensystem überlastet ist und dessen feine Signale ignoriert wurden.
Pferde kommunizieren ständig mit uns, lange mit viel kleineren Signalen, bevor sie mit Buckeln, Steigen oder anderen deutlichen Reaktionen antworten. Das Problem ist nur, dass diese feinen Signale häufig übersehen werden. Statt die Ursache zu erkennen, wird oft nur das Verhalten korrigiert.
💡 Woran erkennst du feine Signale?
Oft kündigen Pferde Überforderung oder Unsicherheit lange an, bevor sie mit Buckeln, Steigen oder Weglaufen reagieren. Deshalb lohnt es sich, einmal ganz bewusst auf die kleinen Veränderungen zu achten.
Blinzelt dein Pferd weniger?
Ist die Unterlippe fest oder leicht hochgezogen? Wirkt die Maulpartie allgemein angespannt?
Hält es sogar kurz die Luft an?
Wie trägt es den Schweif? Locker oder eher angespannt bzw. eingeklemmt?
Kaut es während der Arbeit überhaupt noch ab?
Kann es in Pausen zur Ruhe kommen?
Diese kleinen Veränderungen verraten oft viel über das innere Empfinden deines Pferdes. Wenn du dein Pferd aufmerksam beobachtest, wirst du mit der Zeit erkennen, welches Signal es als Erstes zeigt, wenn erste Unsicherheiten entstehen. Manche Pferde kauen "vorbildlich" ab, blinzeln aber bei Anspannung weniger, bei anderen ist es eine angespannte Maulpartie oder eine hochnehmen des Kopfes.
Je früher du diese feinen Signale erkennst, desto eher kannst du reagieren – noch bevor aus Unsicherheit ein unerwünschtes Verhalten entsteht.
Sie sollten die Erfahrung machen, dass ihre feinen Hinweise wahrgenommen werden, bevor sie deutliche oder „laute“ Reaktionen zeigen müssen. Pferde brauchen die Gewissheit, dass ihre Empfindungen ernst genommen und respektiert werden.
Echte Gelassenheit entsteht nicht durch Unterdrückung von Verhalten, sondern durch das Erlauben von ehrlicher Kommunikation und die Sicherheit, dass der Mensch darauf reagiert.
Mir geht es dabei nicht darum, dein Pferd vor jedem Stress zu bewahren. Das ist in unserer Menschenwelt sowieso nicht möglich und auch nicht sinnvoll.
Mir ist wichtig, die kleinen Signale der Pferde wahrzunehmen, die Grenzen zu akzeptieren und dem Pferd dort die Zeit geben, die es braucht. Pferde, deren feine Signale immer wieder ignoriert werden, fühlen sich nicht verstanden und greifen irgendwann zu deutlicheren, oft heftigeren Reaktionen, weil nur diese wahrgenommen werden.
Ich vergleiche das Nervensystem gerne mit einem Stressfass.
Mit jeder unangenehmen Erfahrung, jeder Unsicherheit und jeder Überforderung wird dieses Fass ein kleines Stück voller. Wenn das Pferd jedoch nie die Möglichkeit bekommt, diese Anspannung wieder abzubauen, reicht irgendwann eine Kleinigkeit – z.B. der Schmetterling von links – und das Pferd explodiert. Der Schmetterling ist nicht das Problem. Er ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Das eigentliche Problem ist also selten der Moment der Explosion, sondern alles, was sich davor über Wochen oder Monate angesammelt hat.

Jack – ein Pferd, das genau das bestätigt hat
Im Jänner 2025 kam Jack als Korrekturpferd zu mir ins Training. Er zeigte heftige Reaktionen wie Buckeln und Steigen und schien ohne erkennbaren Grund zu explodieren. Bevor das Training begann, wurden mögliche körperliche Ursachen sorgfältig abgeklärt. Jack wurde tierärztlich untersucht, Schmerzen – insbesondere auch im Rücken – konnten ausgeschlossen werden und auch der Sattel wurde auf seine Passform überprüft.
Schon in den ersten Trainingseinheiten fiel auf, dass Jack viele Situationen lediglich aushielt. Im ersten Moment wirkte er ruhig, doch bei genauerem Hinsehen wurde deutlich, dass er innerlich unter Spannung stand. Während der Arbeit mit dem Menschen zeigte er eine deutliche Grundanspannung und kaute überhaupt nicht ab – er hielt die Anspannung regelrecht fest. Sein gesamter Ausdruck wirkte dabei unzufrieden.
Anstatt das Buckeln direkt zu trainieren, arbeitete ich daran, dass Jack wieder lernen konnte, Situationen wirklich zu verarbeiten, Entspannung zu finden und Vertrauen zu entwickeln.
Das bedeutete konkret, dass Jack auch in den "scheinbar" einfachen Situationen genau die Zeit bekam, die er brauchte. Und ja, das braucht von uns Menschen eine Menge Geduld. 😅
Erst wenn Jack mir durch seine Körpersprache zeigte, dass sein Nervensystem die Situation als ungefährlich abgespeichert hatte, gingen wir einen kleinen Schritt weiter.
Ich achtete dabei auf Signale wie:
✅ tiefes Durchatmen
✅ regelmäßiges Blinzeln
✅ Kopf senken
✅ Abkauen
✅ Gähnen
✅ einen locker getragenen Schweif
Für mich waren genau diese Signale der eigentliche Trainingserfolg.
Wenn ein Pferd zu mir ins Training kommt, beginne ich grundsätzlich immer ganz von vorne – unabhängig davon, ob es bereits geritten ist oder nicht. Ich arbeite zunächst wie mit einem ganz rohen Pferd und gehe Schritt für Schritt vor. So kann ich beobachten, wann die ersten Stressanzeichen auftreten und welche Situationen ihm Schwierigkeiten bereiten.
Denn ich möchte nicht, dass ein Pferd einfach funktioniert oder etwas über sich ergehen lässt. Mein Ziel ist, dass es sich wirklich sicher fühlt. Nur dann kann das Nervensystem eine Situation auch als ungefährlich abspeichern und wir uns schlussendlich auf unser Pferd verlassen.
➡️ Während der gesamten Trainingszeit bei mir zeigte Jack kein einziges Mal eines seiner ursprüngliche unerwünschten Verhaltensweisen.
Kein Buckeln, kein Steigen und keine Explosion. Nicht, weil ich diese Verhaltensweisen korrigiert habe, sondern weil wir nie über seine Grenzen gegangen sind. Er musste sich nie mit einer Situation überfordert fühlen, sondern bekam jedes Mal die Möglichkeit, sie in seinem eigenen Tempo zu verarbeiten.
Die Veränderung war beeindruckend. Innerhalb von nur zweieinhalb Monaten entwickelte sich Jack von einem Pferd, das extrem buckelte und explodierte, zu einem Pferd, das entspannt im Schritt und Trab am Knotenhalfter geritten werden konnte.
Anstatt das Pferd immer weiter mit einer Situation zu konfrontieren und zu hoffen, dass es sich daran gewöhnt, zerlege ich Trainingsschritte in möglichst kleine, nachvollziehbare und vor allem machbare Teilschritte.
Dabei ist eine gelassene Psyche und echte innere Ruhe die Voraussetzung für alles. Wir müssen eine Lernumgebung schaffen, in der sich das Pferd sicher fühlt. Denn nur dann ist nachhaltiges Lernen überhaupt möglich.
Körperliche Aspekte
Unerwünschte Verhaltensweisen können auch dadurch entstehen, dass ein Pferd nie gelernt hat, seinen Körper gut zu organisieren, es Schmerzen hat oder die gestellten Anforderungen körperlich nicht bewältigen kann.
Deshalb gehört für mich immer auch dazu, dem Pferd zu zeigen, wie es seinen Körper sinnvoll einsetzen kann, um sich dadurch gesünder und stabiler zu bewegen. Denn auch ungünstige Bewegungsmuster, vor allem wenn wir Menschen noch als zusätzlicher „Hebel“ obendrauf sitzen, können ein Pferd verunsichern und in weiterer Folge zu unerwünschtem Verhalten führen.
Das war auch bei Jack, neben der mentalen Entspannung, ein wichtiger Teil des Trainings. Er durfte lernen, wie er seinen Körper besser organisieren kann und dadurch leichter „um die Kurve kommt“.
Fazit
Viele Probleme ließen sich vermeiden, wenn wir unsere Pferde früh genug ernst nehmen und mehr Verständnis für unsere Fluchttiere entwickeln würden.
Meist steckt kein unwilliges Pferd dahinter, sondern entweder ein überlastetes Nervensystem oder körperliche Ursachen – häufig auch eine Kombination aus beidem.
Anstatt erst auf die große Explosion zu reagieren, lohnt es sich, schon die kleinen Veränderungen wahrzunehmen.
✔️ Stressanzeichen früh erkennen
✔️ Entspannung fördern
✔️ Dem Pferd aufmerksam zuhören
✔️ Situationen in viele kleine Teilschritte zerlegen
✔️ Dem Pferd die Zeit geben, die sein Nervensystem braucht, um eine Situation als ungefährlich abzuspeichern
Es ist immer wieder beeindruckend, was möglich wird, wenn man sich diese Zeit nimmt und beginnt, die feinen Signale wirklich zu sehen.

Ich wünsche dir ganz viel Freude beim genauen Beobachten deines Pferdes. 🥰
Ramona

